So 8. Nov 2009, 21:34
http://bertdesign.de/politik/hierbrenntgarnix#comment-91Ein Blog-Kommentar zur Besetzung in Münster und meine Meinung dazu (mein Kommentar ist noch nicht freigeschaltet, daher):
Ich möchte anhand von Stichworten auf Teile deines Beitrages eingehen:Zum Zitat „So richtig viel scheint im Audimax nicht mehr los zu sein.”:Dieser Eindruck konnte nach der anfänglichen „Diskussion” entstehen, die sich durch die selbstgerechte, passiv-agressive Haltung der Universitätsleitung nur sehr zäh entwickelte und daher berechtigterweise unterbrochen wurde. Und wenn man mit einer Konsumentenhaltung hinter den Pulten platz nahm. Wer sich jedoch aktiv einbrachte, war schnell in einer der provisorischen Arbeitsgruppen, die das notwendigste Taten um die Organisation der Besetzung zu koordinieren und vor allem andere Studierende zu informieren und zu mobilisieren, damit also mehr Menschen auf diese neue Situation reagieren konnten. Es werden sicherlich noch Analysen des Besetzungsprozesses folgen, die dabei auch manche organisatorische Mängel entdecken, aber hierbei handelt es sich eben auch um einen Lernprozess, der von allen Anwesenden Geduld, Respekt und meiner Ansicht nach auch etwas Demut (im Sinne Erich Fromm) erfordert. Geduld in Anbetracht der Umfangreichen Probleme und Forderungen und den zahlreichen zuständigen, oder eben auch angeblich nicht zuständigen Instanzen, Respekt vor den unterschiedlichen Meinungen und Ansichten anderer Menschen die unter dem gemeinsamen Protest zu verbinden waren und Demut vor den eigenen Unzulänglichkeiten und denen der anderen. Ich sehe es so, das Letzteres stärker hätte berücksichtigt werden müssen.
- „Raumwahl der Besetzung”Die Wahl war wahrscheinlich taktischer und strategischer Natur. Der Raum war ausreichend „prestigeträchtig” (zudem war es der Universitätsleitung nach eigener Aussage unmöglich Ersatz zu finden, was wohl einiges über die Raumnot an der 37.200 Studierenden zählenden Universität Münster aussagt…), bot die notwendige Infrastruktur und vielleicht rechnete man mit mehr Verständnis der üblichen Klientel des Saales.
- „Legitimation und Rückhalt der Studierendenschaft”Nun bin ich nicht der Ansicht, dass nicht auch Minderheiten das Recht haben, ihre Meinungen und Forderungen auf unterschiedlichste Weise zu artikulieren und auf sich aufmerksam zu machen. Jedoch können die vor Ort vertretenen Meinungen und Forderungen im Hinblick auf die Proteste im Juli wohl kaum als solche bezeichnet werden. Ich hielt und halte es für angemessen, (1)die Gunst der Stunde zu nutzen, um neue Handlungsspielräume zu eröffnen, (2)unseren österreichischen KommilitonInen (die sich vor Ort in Wien, Innsbruck, Salzburg, usw. von Beginn an stark machten, für die zahlreichen deutschen Uni-Flüchtlinge, welche dort zu Sündenböcken gemacht werden sollten) endlich aktiv Solidarität zu zeigen und (3)die öffentliche Debatte, die gerade wieder und bereits seit Jahren immer mehr an teilweise künstlichen Jubiläums-Debatten zu ersticken droht, auf aktuelle Problemlagen zu lenken.
Zudem werden doch wohl auch in Münster z.B. Fachschaftsvertretungen wie auch der AStA von den Studierenden gewählt?! Und sie werden gewählt um zu handeln. Das darüber anscheinend zu viele vergessen, dass jeder einzelne eine Mitverantwortung trägt und das es notwendig ist, selbstständig Engagement zu zeigen, auch wenn das Studium einen bedrängt, dies zeigt sich möglicherweise an den Teilnehmerzahlen. Traurig, aber Teil der Gesamtproblematik.
Auf der anderen Seite gibt es scharfe Kritiker dieses demokratischen Prozesses, die sich nicht mit lautstarken, abfälligen und teilweise beleidigenden Kommentaren zurückhalten und alle Möglichkeiten nutzen, um einzelne Menschen und die Bildungsbewegung insgesamt zu diskreditieren. Dies scheint hier jedoch vollständig aus dem Blick zu geraten. Aber es hat in Deutschland natürlich auch Tradition Menschen und Gruppen als „links(extremistisch)” zu stigmatisieren, um sie dann anhand einzelner, herausgelöster Ereignisse/Aussagen/usw. in Schubladen zu stecken, aus denen man immer wieder die Handpuppen herausholt, die dem fragenden Menschen so wunderbar einfach und oberflächlich erkläreren, wovor er Angst haben muss. Angst, weil man den übergroß-verzerrten, öffentlichen Bildern politischer Aktivität nicht zu Nahe kommen und damit von ihnen „befleckt” werden will. Dies ist eine Ursache für die neue, uns alle lähmende und diffuse „Mitte”.
Dabei ist für mich die „Mitte”, in die sich so viele Verunsicherte und Mutlose zurückgezogen haben, längst zu einem schleimigen Pfuhl der Selbstverleugnung geworden, der deutlich größere Gefahren birgt, als all die o.a. üblichen, vereinfachten Zuschreibungen wären, würden sie denn stimmen.
- „Rhetorik / Image”Das es Polizeigewalt gegeben hat behauptet niemand, aber die Räumung ist ein repressiver Akt, der zwar rechtens war (Das Motto der Rektorin hier: „Es kann nicht sein, was nicht sein darf!”), aber meiner Ansicht nach ungerecht und ungerechtfertigt ist.
Die öffentliche Debatte soll und wird weitergehen, aber es braucht auch andere Mittel und Räume, als die der virtuellen Welt, die ja selbst leider zunehmend kriminalisiert wird („Internet als rechtsfreier Raum”).
Das Mikrophon und die Redeleitung standen jedem und jeder offen. Es wurde sogar mehrfach und laut um einen Wechsel gebeten. In den entsprechenden eingerichteten Arbeitsgruppen gab es zudem für diejenigen, die im großen Plenum zu unsicher waren, Möglichkeiten zur Kritik und Einsatz. Eine derartig pauschale Kritik, wie sie hier zitiert wird, ist vollkommen falsch und ich sage dies als jemand, der als Osnabrücker die lokalen Strukturen kaum kennt und persönlich unvoreingenommen ist. Zudem ist die zitierte Kritik eine Stimme, die dem Plenum und der angesprochenen Moderation einen Mangel an Radikalität vorwirft. Diese Stimme in diesem Kontext anzuführen, erscheint mir unredlich, wenn gleichzeitig von „linken Träumen” gesprochen wird.
- „Fazit”Ob der große Protest in Münster ausbleibt, wird sich erst noch zeigen (auch wenn hier dagegen gearbeitet wird!). Der Versuch war mutig und er war es wert, auch wenn er viel Kraft gekostet hat.
Wem solche Aktionen auf die Nerven gehen, der muss wohl oder übel seinen Hintern bewegen und sich mit der Situation vor Ort auseinandersetzen.